Dual n-back: Was es bringt und was nicht
Dual n-back ist die bekannteste Aufgabe der kognitiven Trainingsforschung, und zugleich die umstrittenste. Sie ist einfach zu erklären, schwer zu spielen und hat eine Geschichte, die man kennen sollte, bevor man Zeit investiert.
Wie die Aufgabe funktioniert
Alle zwei bis drei Sekunden erscheint ein Reizpaar: ein Feld in einem 3×3-Raster leuchtet auf, und gleichzeitig wird ein Buchstabe gezeigt oder gesprochen. Die Aufgabe ist, bei jedem Schritt zu entscheiden, ob die Position dieselbe ist wie vor n Schritten, und unabhängig davon, ob der Buchstabe derselbe ist wie vor n Schritten. Beides kann zutreffen, eines, oder keines.
Bei n gleich 1 vergleicht man mit dem unmittelbar vorherigen Reiz. Das schafft jeder. Bei n gleich 2 muss man zwei Reizpaare im Kopf halten und bei jedem Schritt das älteste durch das neueste ersetzen. Bei n gleich 3 wird es für die meisten anstrengend. Das "Dual" bezieht sich auf die zwei Kanäle: Position und Buchstabe müssen getrennt verfolgt werden, was die Belastung mehr als verdoppelt, weil man zwischen zwei Aktualisierungen wechseln muss.
Die Schwierigkeit passt sich üblicherweise an: Bei einer Trefferquote über 80 Prozent steigt n, unter 50 Prozent sinkt es.
Die Geschichte
2008 veröffentlichten Jaeggi, Buschkuehl, Jonides und Perrig in PNAS eine Studie, in der Probanden acht bis neunzehn Tage lang Dual n-back trainierten und anschließend in Tests für fluide Intelligenz besser abschnitten als eine Kontrollgruppe. Der Zuwachs war dosisabhängig, längeres Training brachte mehr. Die Studie wurde zum Auslöser einer Welle von Replikationen, einer ganzen App-Industrie und einer Online-Community, in der Menschen ihre n-Werte tauschen wie Bestzeiten.
Die Kritik folgte rasch. Die Kontrollgruppe war passiv, tat also nichts, statt eine andere Aufgabe zu üben. Die Intelligenztests waren verkürzt. Die Stichproben waren klein. Spätere Studien mit aktiven Kontrollgruppen fanden den Effekt meist nicht.
Was die Meta-Analysen sagen
- Melby-Lervåg und Hulme (2013): kein Transfer auf verbale Fähigkeiten, kleiner Effekt auf nonverbale Intelligenz, der bei aktiven Kontrollgruppen verschwindet.
- Au et al. (2015): kleiner positiver Effekt auf fluide Intelligenz, etwa drei bis vier IQ-Punkte, in einer Auswahl von Studien speziell zu n-back.
- Melby-Lervåg, Redick und Hulme (2016): bei aktiven Kontrollgruppen geht der Effekt gegen null. Die Differenz zu Au et al. erklärt sich fast vollständig durch die Kontrollgruppen.
Der Stand ist damit: Nahtransfer ja, man wird in n-back und ähnlichen Arbeitsgedächtnisaufgaben deutlich besser. Ferntransfer auf Intelligenztests ist nicht belegt. Wer die Debatte im Ganzen lesen will: Kann man den IQ trainieren?
Wofür die Aufgabe trotzdem taugt
Als Messinstrument ist Dual n-back gut. Die Leistung korreliert mit anderen Arbeitsgedächtnismaßen und mit fluider Intelligenz in der Größenordnung von 0,3 bis 0,5. Wer über Wochen dasselbe n mit derselben Trefferquote spielt und an einem Tag plötzlich abfällt, sieht darin Schlafmangel, Stress oder Krankheit, bevor er sie sonst bemerkt. Als tägliche Kurzmessung mit Verlauf ist die Aufgabe deshalb sinnvoll, als IQ-Training nach Stand der Forschung nicht.
Was für Einstellungstests daraus folgt
Wer einen Test vor sich hat, in dem Merkaufgaben vorkommen, sollte diese Aufgaben üben, nicht n-back. Für die Zahlenspanne gibt es Bündelungsstrategien, die die gemessene Spanne um mehrere Ziffern erhöhen, siehe Zahlenspanne im IQ-Test. Für Matrizen und Zahlenreihen gibt es Regelfamilien, die man in wenigen Wochen lernt. Der Übungseffekt auf dem Testformat ist belegt und größer als alles, was n-back nach den Meta-Analysen liefert.
Quellen
- Jaeggi, S. M., Buschkuehl, M., Jonides, J., Perrig, W. J. (2008). Improving fluid intelligence with training on working memory. PNAS, 105(19).
- Melby-Lervåg, M., Hulme, C. (2013). Is working memory training effective? Developmental Psychology, 49(2).
- Au, J., et al. (2015). Improving fluid intelligence with training on working memory: a meta-analysis. Psychonomic Bulletin & Review, 22(2).
- Melby-Lervåg, M., Redick, T. S., Hulme, C. (2016). Working memory training does not improve performance on measures of intelligence. Perspectives on Psychological Science, 11(4).
Häufige Fragen
Was ist Dual n-back?
Eine Arbeitsgedächtnisaufgabe, bei der man zwei Reize gleichzeitig verfolgt, meist Position und Buchstabe, und bei jedem Schritt entscheidet, ob der aktuelle Reiz dem von n Schritten zuvor entspricht.
Steigert Dual n-back den IQ?
Nach den Meta-Analysen mit aktiven Kontrollgruppen nicht messbar. Man wird zuverlässig besser in der Aufgabe selbst und in eng verwandten Aufgaben.
Welches n ist normal?
Ungeübte kommen meist auf n gleich 2. Mit Übung erreichen die meisten n gleich 3 bis 4, geübte Spieler 6 und mehr. Das sagt über Intelligenz wenig aus, weil der Übungseffekt dominiert.
IQ Prep übt genau diese Aufgabentypen unter Testbedingungen, mit Erklärung nach jeder Antwort. Kostenlos ausprobieren, Vollversion einmalig 4,99 €, kein Abo.
Zur App